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Wenn Retter Hilfe brauchen

Zehn Monate ist es her: Ein tödlicher Unfall auf der Gerlisbergstrasse erschütterte Kloten. Nebst den Angehörigen und Freunden ist es auch für die Einsatzkräfte schwer, mit den schlimmen Eindrücken fertig zu werden.


Unfall in Gerlisberg

Verkehrsunfall vom 15.6.2011

Den Feuerwehrmännern bot sich ein schrecklicher Anblick: Auf der Gerlisbergstrasse ereignete sich vor zehn Monaten ein schwerer Autounfall. Zwei 16- und 18-jährige Teenager aus Kloten kamen ums Leben, der Fahrer (20) und zwei weitere Mitfahrerinnen (14 und 15) wurden verletzt. Als die Klotener Feuerwehr am Unfallort eintraf, waren die Leichen bereits mit einem weissen Tuch bedeckt.

 

Solche Bilder sind für Feuerwehrleute nicht einfach zu verarbeiten. «Wenn wir an einen Unfall ausrücken, schaltet das Gehirn erst einmal auf «arbeiten». Die schrecklichen Bilder tauchen erst Stunden oder Tage später auf», erklärte der Stützpunktkommandant der Klotener Feuerwehr, Hansueli Wüst.

 

Es sei deshalb wichtig, dass die Feuerwehrleute nach einem Einsatz zusammensitzen, um die schrecklichen Eindrücke zu besprechen. Debriefing nennt man eine solche Gesprächsrunde. «To debrief» heisst, Bericht erstatten. Um ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, ist es notwendig, alle Erinnerungen, Sinneseindrücke und Empfindungen zu ordnen, erklärt Wüst. Das Erzählen helfe, dem traumatischen Chaos zu entkommen und die Kontrolle über sich wieder zu gewinnen. Die Bilder eines schrecklichen Unfalls bleiben immer im Kopf. Wüst ermahnt seine Kameraden immer wieder: «Keiner von euch hat Schuld an einem Unfall. Im Gegenteil: Wenn ihr vor Ort seid, wird es nur besser, denn ihr seid die Retter.»

 

Anblick nicht verkraftet

 

So professionell denken kann nicht jeder. Wüst erinnert sich an einen jungen Mann, der erst kurze Zeit bei der Klotener Feuerwehr war. «Bei seinem ersten Einsatz traf er auf ein völlig ausgebranntes Auto. Der Fahrer war bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.» Der Feuerwehrmann hat sich nach dem Einsatz völlig verschlossen. «Ich wusste, dass er sensibel war.» Er habe auch nie mit seinen Kameraden über seine Eindrücke und Gefühle gesprochen. «Zudem verweigerte er professionelle Hilfe», erinnert sich Wüst. Kurze Zeit später gab der Betroffene den Austritt aus der Feuerwehr. Das war aber ein Einzelfall. Wüst hat in all den Jahren als Feuerwehrkommandant eine gewisse Menschenkenntnis entwickelt. Er beobachtet diejenigen, die sich beim Debriefing verschliessen und sucht das Einzelgespräch. Er ist stolz auf seine Kompanie: «Wir sind eine Truppe mit grossem Zusammenhalt. Jeder weiss, wie der andere auf ein Ereignis reagiert, deshalb funktionieren unsere Gespräche untereinander einwandfrei.»

 

Ein traumatisches Ereignis für die Klotener Feuerwehr waren die Terroranschläge 2001 auf die New Yorker Twin Towers. Obwohl sie selbst nicht im Einsatz standen, führten sie ein Debriefing durch. «Das war einer der schwersten Abende für mich», gesteht der Kommandant. Nicht nur für ihn: Der ganzen Gruppe gingen die verheerenden Bilder nicht mehr aus dem Kopf: «Wir mussten mitansehen, wie Feuerwehrmänner in die Wolkenkratzer hineingingen, aber nicht mehr heraus­kamen.» Unterstützt beim Verarbeiten der Eindrücke wurden die Männer vom ehemaligen reformierten Pfarrer Holderegger. Er fragte die Männer: «Macht es Sinn, bei einem Einsatz den Helden zu spielen?». Nein, sagt Wüst. Wichtig sei, eine Situation richtig einzuschätzen und sich vor Augen zu halten, dass die eigene Sicherheit an erster Stelle stehe. In Trainings werden die Feuerwehrmänner geschult, innert Sekunden die richtigen Entscheidungen zu treffen. 90 Männer gehören dem Klotener Korps an, 60 sind für schwere Unfälle speziell ausgebildet.

 

Einsatz des Careteams

 

Kann ein Feuerwehrmann die schrecklichen Bilder eines Unfalls trotz den Debriefings nicht verarbeiten, kommt Jan Bauke zu Hilfe. Der Hauptmann von Schutz und Rettung der Stadt Zürich hat vor zehn Jahren das Careteam für die kantonalen Feuerwehren gegründet. Der ehemalige Theologe hat Erfahrung mit traumatisierten Rettungskräften. Beim Flugzeugabsturz vor zehn Jahren in Bassersdorf war er – wie auch die Klotener Feuerwehr – vor Ort. Unzählige Gespräche hat er nach dem Absturzt mit den Rettungsleuten geführt. Belastend für viele war damals der Geruch verkohlter Leichen und das herumliegen von Körperteilen. Auch er ermahnte die Einsatzkräfte, dass nicht sie die Schuldigen an einem Unglück seien. Wüst und Bauke sind sich einig: «Schweigen ist Silber, reden ist Gold.

 

Quelle: Doro Baumgartner / klotneranzeiger.ch


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